Matthias Kyburz im Datasport-Check
Foto: athle.ch
Matthias Kyburz ist einer der erfolgreichsten Orientierungsläufer der Geschichte. Er gewann 25 Weltcuprennen, wurde von 2012 bis 2023 insgesamt sechsmal Gesamtweltcup-Sieger und ist zudem neunfacher Europameister und achtfacher Weltmeister. 2024 entschied er sich, es mit dem Marathonlauf zu versuchen. Bei seiner fulminanten Premiere qualifizierte er sich mit einer Zeit von 2:07:44 Stunden auf Anhieb für die Olympischen Spiele, bei denen er Rang 30 belegte. Bei seinem dritten Marathon 2025 in Sevilla erzielte der 35-Jährige mit 2:06:48 Stunden seine aktuelle Bestzeit und avancierte damit zum zweitschnellsten Schweizer Marathonläufer hinter Tadesse Abraham.
Ziele 2026
Das grosse Hauptziel in diesem Jahr ist der Marathon im Rahmen der Europameisterschaften in Birmingham am 16. August. Daneben werde ich noch zwei weitere Male die 42,195 Kilometer in Angriff nehmen. Und zwar im April an einem Marathon in Europa sowie gegen Ende des Jahres kann wiederum New York City oder Valencia eine Option sein. Meine endgültige Entscheidung treffe ich nach der EM.
Wintertraining
Wie schon im letzten Jahr bestreite ich das Wintertraining wieder von zu Hause aus und trainiere - bis auf ein paar wenige Ausnahmen auf den Langlauf-Skiern - ausschliesslich zu Fuss. Auf dem Programm steht die Basisarbeit mit 180 wöchentlichen Kilometern, viele Dauerläufe, klassische Intervalleinheiten, Long Runs und Krafttraining. Den Schlüssel zum Erfolg sehe ich in der Kontinuität und der ehrlichen Arbeit über viele Wochen hinweg. Aus diesem Grund - und weil es das familiäre Setting nicht anders zulässt - verzichte ich auch auf ein Höhentrainingslager in Kenia oder Südafrika.
Trainingsalltag
Im Vergleich zu meiner Zeit als Orientierungsläufer ist mein Trainingsalltag als Marathonläufer relativ monoton. Ich komme auf die gleiche Anzahl an Trainingsstunden, laufe aber mehr Kilometer mit weniger Höhenmetern. Ich bin nur noch einmal im Kraftraum, laufe in den drei intensiven Einheiten niedrigere Intensitäten, da es im Marathonlauf keine Laktatspitzen mehr gibt, und trainiere nicht mehr in alternativen Sportarten. So sieht eine typische Trainingswoche bei mir aus:
- Montag: zwei lockere Dauerläufe und Rumpfkrafttraining, 30 km
- Dienstag: ein längeres Intervalltraining, 25 km
- Mittwoch: ein Dauerlauf, 20 km
- Donnerstag: ein intensives Training mit Hügelsprints und ein Dauerlauf plus Beinkrafttraining im Kraftraum, 25 km
- Freitag: zwei lockere Dauerläufe, 25–30 km
- Samstag: Long Run, 30–35 km
- Sonntag: zwei lockere Dauerläufe und Rumpfkrafttraining, 20–25 km
Daneben achte ich auf genügend Schlaf. Das sehe ich als wichtigste erholungsfördernde Massnahme. Ausserdem ist es mir wichtig, dass ich nach dem Training schnell etwas essen und trinken kann.
Trainingsphilosophie
Erfolg ist das Resultat langer, kontinuierlicher Arbeit.
Meine Stärke
Meine zwei grössten Stärken sind sicherlich einerseits meine Robustheit und andererseits mein Biss. Beides sind Grundvoraussetzungen für den Erfolg. So kann man das Training über lange Zeit und ohne Unterbrechungen aufrechterhalten und im Wettkampf bis ans Limit gehen.
Meine Schwäche
Meine Stärke ist gleichzeitig auch eine meiner Schwächen: Denn manchmal wäre weniger mehr und etwas Gelassenheit wäre besser, als den Plan zu 100 Prozent und mehr erfüllen zu wollen. Zudem bin ich sicher nicht der Initiativste, wenn es darum geht, etwas Neues auszuprobieren. Da halte ich mich lieber an die Maxime „Never change a running system”.
Herausforderungen im Wettkampf
Die grosse Herausforderung im Marathon ist das Einteilen. Klar ist, dass alles im Vergleich zum Orientierungslauf berechenbarer ist und ich aufgrund meiner mehrmonatigen Vorbereitung abschätzen kann, ob eine Zeit zwischen 2:06 und 2:08 möglich ist. Aber wie ich mich im Rennen verhalten muss, damit es auf den letzten Kilometern, wenn alles wehtut, aufgeht, ist die grosse Herausforderung. Die Nervosität ist übrigens jetzt bedeutend geringer, weil ich (fast) alles selbst in der Hand habe und während dem Rennen deutlich weniger Entscheidungen treffen muss als beim OL. Beim OL ist die Technik genauso entscheidend, wie die physische Form. Daher ist trotz physischer Topform der Grat zwischen Weltmeister und dem 20. Platz sehr schmal.
Coach
Daniel Klauser hat mich von Beginn 2003 bis zum Ende meiner OL-Karriere kontinuierlich aufgebaut und betreut. Im Winter 2024 hat Viktor Röthlin die Betreuung zunächst übernommen, im letzten Jahr für die letzten Wettkämpfe im OL aber wieder abgegeben, ehe er seit der Vorbereitung auf den New York City Marathon im November das Szepter ganz übernommen hat.
Er plant das Training jeweils für ein bis zwei Wochen im Voraus, hat stets Einblick ins Trainingstagebuch und gibt nach harten Einheiten Feedback. Einmal pro Monat begleitet er mich während der Long Runs. Wenn er mich laufen sieht, weiss er am besten, wie es um mich steht.
Trainingspartner
Anders als zuvor, als wir als Team unterwegs waren, trainiere ich jetzt als Einzelkämpfer. Das ist einerseits zeitlich bedingt, andererseits gibt es schlicht keine Laufpartner mehr in Bern, die das spezifische Training in Bezug auf Tempo und Dauer mit mir absolvieren wollen und vielleicht auch könnten. Das bedauere ich, denn etwas Konkurrenz würde nicht schaden. Glücklicherweise bleibt mir noch das wöchentliche Krafttraining. Dieses absolviere ich noch zusammen mit meinen ehemaligen OL-Kollegen.
Puls, Pace oder Gefühl
Ich trainiere nach Gefühl und Pace, bei den intensiven Einheiten nur nach Pace. Mit Pulsgurt bin ich nur ganz selten unterwegs. Das mache ich nach Leistungstests, um mein Gefühl zu überprüfen.
Geheimtipp
Im Ausdauersport gibt es weder Abkürzungen noch Wundermittel. Konzentriere dich darauf, Kontinuität in dein Training zu bringen, die Basics richtig zu machen und erst dann zu versuchen, zu optimieren.
Wir danken Matthias Kyburz für die spannenden Antworten.
Mehr Infos zu Matthias Kyburz gibt es hier.
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