Nicola Wigger im Datasport-Check
Foto: jolypics
Auf den letzten Drücker hat es der Gibswiler Nicola Wigger ins Schweizer Olympia-Kader geschafft. Mit einem beherzten Rennen schaffte er Ende Januar im Goms die zweite geforderte Klassierung unter den besten 25 und wird nun in Cortina in den Distanzrennen zum Einsatz kommen. In welchen genau, ist noch offen.
Massenstart-Rennen im Goms
Eine Woche vor den Heimrennen im Goms habe ich mich auch schon recht gut gefühlt. Beim Rennen in Oberhof schaffte ich es aber trotzdem nur auf den 47. Platz. Deshalb dachte ich, dass es fast unmöglich sein würde, diese geforderte Platzierung zu erreichen. Ich machte mir aber Mut, sagte mir „Lass es uns probieren!” und startete positiv ins Rennen. Der Start ist mir gut gelungen und ich konnte mich nach vorne kämpfen. Nach der ersten Runde merkte ich, dass ich auf Position 14 liegend immer noch viel Energie hatte. In der dritten Runde wurde mir klar: Wenn ich das halten kann, dann bin ich bei den Olympischen Spielen dabei. Es war also schon während des Rennens sehr emotional für mich.
Vom Traum zur Realität
Erst diese Woche habe ich realisiert, was ich geschafft habe. Es hat sehr lange gedauert, bis mir das bewusst wurde. Es ist wunderschön zu sehen, dass ich das, worauf ich zwölf oder dreizehn Jahre hingearbeitet habe, jetzt geschafft habe. Mit zwei Jahren stellten mich meine Eltern zum ersten Mal auf Langlaufski. Jetzt, mit 24, ist es so weit: Ich darf an den Olympischen Spielen teilnehmen.
Als ich 16 Jahre alt war, hat sich dieser Traum irgendwie näher angefühlt als in den letzten Jahren. Ich habe immer mehr gemerkt, wie schwierig es ist, unter die Top 25 zu kommen. Trotzdem habe ich nie die Motivation verloren und wusste, dass ich, anders als in anderen Sportarten, mit zunehmendem Alter und Trainingsalter noch besser werden kann.
Olympische Spiele Mailand/Cortina
Als ich im letzten Herbst erfahren habe, dass die Anzahl der Plätze im Schweizer Team von acht auf fünf reduziert wird, dachte ich, dass es für mich schwierig werden könnte. Ich habe mich in den Top acht gesehen, aber dass ich es trotz dieser strengeren Selektionskriterien und meiner schwierigen Vorbereitung mit einem Bruch des Sesambeins geschafft habe, macht mich extrem stolz.
Jetzt fühle ich mich locker und habe grosse Vorfreude, was mir viel Energie gibt. Das Schöne ist: Ich bin bei den Olympischen Spielen kein Topfavorit. Ich gehe ohne Druck ins Rennen, und genau das kann zu meiner Chance werden. Druck spüre ich eigentlich nur mit Blick auf die Staffel, weil ich diese Disziplin sehr speziell finde und dort gut performen möchte.
Material
Früher hat mein Vater viel am Material getüftelt. Seit ein bis zwei Jahren kümmert sich jedoch SwissSki darum. Unser Materialteam ist top. Das einzige Land, das uns vielleicht noch etwas voraus ist, ist Norwegen. Es ist wichtig zu wissen, dass wir ohne passendes Material chancenlos sind. Da kann die Form noch so gut sein. Aber wir können uns immer auf das beste Material unseres Wachsteams verlassen. Es gibt maximalen Einsatz, bis alles perfekt passt. So sind sie beispielsweise auch direkt nach den Rennen im Goms nach Cortina gereist, um in den zwei Wochen bis zu unserem ersten Start die besten Ski zu präparieren.
Eltern
Meine Eltern, die beide selbst je dreimal im Skilanglauf bei Olympischen Spielen teilgenommen haben, haben mich immer unterstützt. Meine Mama auch als Clubtrainerin und mein Vater als Materialtüftler. Wir pflegen ein sehr gutes Verhältnis und stehen in engem Kontakt. Als ich meine Eltern im Goms gesehen habe, hat mich das wahnsinnig motiviert. Ich wollte ihnen zeigen, dass sich ihre Unterstützung und ihr Glaube an mich gelohnt haben und dass ich ihnen endlich etwas zurückgeben kann. Sie sind sehr stolz auf mich.
Klassisch oder Skating
Beides. Mein Trainer Toni Livers hat mir klargemacht, dass ich für eine reale Chance auf die Olympischen Spiele beide Techniken brauche. Aus diesem Grund habe ich viel ins Skating investiert, da ich in dieser Disziplin noch etwas schwächer war. Ich habe viel Technikarbeit geleistet und Videoanalysen durchgeführt. Ausserdem bin ich viele Stunden ohne Stöcke gelaufen und habe mit den Rollski auf dem Laufband trainiert.
Trainingsphilosophie
Ich bin ein grosser Fan von Kontinuität. Ich trainiere über viele Wochen immer in etwa dasselbe und kann so direkt den Fortschritt in den einzelnen Einheiten sehen.
Meist sind es bei elf bis zwölf wöchentlichen Einheiten insgesamt zwei Intervalleinheiten, von denen eine an und die andere über der anaeroben Schwelle stattfindet, sowie ein bis zwei Krafteinheiten und eventuell noch zwei Sprint-Sessions. Der Rest findet im lockeren Bereich statt, sodass ich Energie für die wichtigen und intensiven Einheiten spare.
Schlüssel zum Erfolg
Für mich ist der Schlüssel zum Erfolg: dranbleiben und sein Bestes geben. Meistens erreicht man sein Ziel, wenn man sein Bestes gibt. Und wenn es dann doch nicht funktioniert, muss man sich zumindest nicht vorwerfen, nicht alles gegeben zu haben.
Stärke
Meine Stärken sind meine Lockerheit und meine Überzeugung, dass es gut kommt, wenn ich mein Bestes gebe. Diese Positivität hat mir stets geholfen und mich immer weitergebracht.
Schwäche
Meine grösste Schwäche ist wohl der Sprintbereich, also Belastungen von etwa drei Minuten. So habe ich beispielsweise noch nie den Prolog bei einem Sprintrennen im Weltcup überstanden. Wer kein absolutes Top-Talent ist, muss sich im Langlaufsport spezialisieren. Ich habe das gemacht und konzentriere mich deshalb auf die langen Distanzen und forciere den Sprint gar nicht mehr.
Staffel
Seit meiner Zeit in der U16 bin ich von der Staffel fasziniert. Von einem Moment auf den anderen wird man vom Einzel- zum Mannschaftssportler. Man versucht, alles noch besser zu machen, damit das Team erfolgreich ist. Wenn das gelingt, sind die Emotionen viel intensiver, denn man kann sie teilen.
Einzel- oder Team
Langlauf ist zwar ein Einzelsport, aber wir sind als Team fast das ganze Jahr über gemeinsam unterwegs und profitieren enorm voneinander. In jedem Training und auch sonst. Ich könnte mir nicht vorstellen, das Ganze alleine durchzuziehen.
Natürlich ist man froh, wenn man in einem Rennen der schnellste Schweizer ist. Wir freuen uns aber auch über die Erfolge der anderen. Schliesslich haben wir alle das Ziel, den Langlauf in der Schweiz populärer und besser zu machen. Wenn ein anderer Schweizer besser klassiert ist, zeigt mir das, dass es auch für mich möglich ist, und es motiviert mich ungemein.
Intensitätssteuerung
Ich trainiere immer mit Pulsuhr und erhalte so direktes Feedback. Natürlich hat sich über die vielen Jahre auch mein Körpergefühl entwickelt, sodass ich inzwischen meist weiss, wie hoch mein Puls gerade ist.
Geheimtipp
Mein Geheimtipp? Die Polarisierung richtig zu machen: In den Intervallen Gas geben und die lockeren Einheiten tatsächlich locker angehen. Das ist auf jedem Niveau wichtig.
Was noch?
Ich möchte Privatpersonen und Firmen die Möglichkeit geben, mich auf meinem Weg zu begleiten und zu unterstützen. Zu diesem Zweck habe ich einen Gönnerclub gegründet. Ich würde mich freuen, wenn einige von euch auf meiner Website vorbeischauen würden: www.nicolawigger.com.
Wir danken Nicola Wigger für die spannenden Antworten.
Mehr Infos zu Nicola Wigger gibt es hier und auf seinem Instagram-Kanal.
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