Mo., 4. Dezember 2017Interview mit Emma Pooley
Description

Das Palmarès der seit 12 Jahren in der Schweiz wohnhaften Britin Emma Pooley ist beeindruckend. Es weist viele Siege in internationalen Laufveranstaltungen, Radrennen, Duathlons und Triathlons auf. Die erfolgreiche Athletin machte 2014 an der ETH Zürich ihren Doktortitel in Geotechnik und ist seither als Profi unterwegs.

Du kannst auf eine lange und sehr erfolgreiche Karriere zurückblicken. Welches sind für dich die Schlüssel zum Erfolg?

Also wenn man überhaupt von einer „Karriere“ im Sportbereich sprechen kann, dann war das eher ein Zufall! Ich hatte nie die Absicht, eine professionelle Athletin zu werden. Ich habe zwar immer sehr gerne Sport gemacht, aber es war nie mein Plan, darin eine berufliche Karriere zu starten. Ich glaube, ich hatte extrem viel Glück mit den Gelegenheiten, die sich mir im Radsport geboten haben. Aufgrund einer Laufverletzung habe ich damals mit diesem Sport angefangen und mein Umzug in die Schweiz (für meinen PhD an der ETHZ) war eine glückliche Fügung, denn hier gibt es für mich die besten Voraussetzungen (Berge!) - sowohl fürs Training als auch die Wettbewerbe. Dann hatte ich das Glück, dass mich 2007 ein tolles UCI Team vor Ort (Team Specialized Designs For Women) eingeladen hat, Teil des Teams zu werden. Dort fand ich grossartige Unterstützung, ein tolles Equipment, Teamkameraden und super Rennen. Und ich hatte das grosse Glück, dass der TT-Lauf in Peking zu meiner Physiologie passte... Ich hatte also wirklich nur eine echte „Glückssträhne“. Vielleicht ist der Schüssel dafür, dass aus diesen Glücksfällen ein paar positive Ergebnisse wurden, dass ich bereit war, die Gelegenheiten zu nutzen, die sich mir geboten haben.... Nicht immer eine leichte Entscheidung! Und ich war motiviert, meine Träume und Ambitionen zu verfolgen, indem ich diese Chancen ergriffen habe, weil ich meinen Sport wirklich liebe. Aber ich sehe meine Möglichkeiten und meine Schwächen auch realistisch und bin selbstkritisch genug um zu wissen, wann ich meine Zeit verschwende!

Dein Name ist in den Siegerlisten vieler Veranstaltungen zu finden. Welches sind deine Trainingsprinzipien? Wie sieht dein Trainingsalltag aus?

Es gibt keinen Standard-Trainingstag! Meine Art zu trainieren - und die Sportarten, die ich trainiere - variieren je nach Jahreszeit und je nachdem, auf welches Rennen ich hinarbeite. Mein Trainings-Grundsatz ist jedoch, dass sich die harte Arbeit auszahlt! Und auch wenn ich im Laufe der Jahre viel über meinen Körper gelernt habe, mache ich immer noch den Fehler, dass ich mir nicht genügend Erholungszeiten gönne. Das geht vielen Athleten so ;-) Ganz wichtig für mich ist, dass ich weiss: Wenn ich zu lange Strecken laufe, werde ich mich verletzen. Für Laufveranstaltungen und lange Triathlons und Duathlons nutze ich das Radtraining, um mir eine gute Basis und eine „Vor-Ermüdung“ für das Lauftraining zu erarbeiten - so dass ich nicht zu viele lange Läufe absolvieren muss. In der Vergangenheit habe ich bemerkt, dass ich durch Radtraining eine richtig gute Lauf-Fitness bekommen habe - man trainiert dadurch das Herz-Kreislaufsystem besonders gut, damit man auf dem Rad hart einsteigen kann. 

Mein idealer Trainingstag sieht so aus: Ich starte am liebsten am frühen Morgen direkt mit einer anstrengenden Trainingseinheit (z. B. einem Intervalltraining). Wenn ich dann eine zweite Trainingseinheit mit Technik oder Ausdauertraining geplant habe, habe ich Zeit für eine Pause und kann mich erholen, bevor ich diese Einheit dann am Abend absolviere. 

Emma Pooley auf dem Fahrrad

Vor 13 Jahren wurdest du zum ersten Mal Weltmeisterin im Duathlon. Wie hat sich dein Training seither geändert? Welche Erkenntnisse und Produkte haben dein Sportlerleben verändert und beeinflusst? 

Die Duathlon-Weltmeisterschaft hatte ich schon fast vergessen! Und für mich war es gar nicht so ein wichtiges Ergebnis, denn es gab verschiedene Alterskategorien und ich war möglicherweise die einzige Teilnehmerin in meiner Altersklasse! Aber damals war ich wirklich happy - Ich hatte nicht einmal davon zu träumen gewagt, dass ich einen Wettkampf auf Elite-Niveau bestreiten könnte.

Seit damals hat sich einiges geändert - ich habe viele Jahre gebraucht um zu lernen, wie ein Radfahrer zu trainieren und das Rennen zu fahren, denn Radrennen sind extrem taktisch und es bedarf viel Teamwork. Das kannte ich bisher so nicht aus meinem Lauf-Background. Aber ich habe dabei viel darüber gelernt, wie wichtig es ist, mit welchen Menschen man sich umgibt. Und ich habe auf jeden Fall gelernt, hart zu trainieren und hart im Wettbewerb zu sein! Man weiss gar nicht, wie hart man sich selbst pushen kann, bis man ein Rennen als Teil eines Teams bestreitet und für das Team einen Rückstand aufholen (oder den Sieg sichern) MUSS! 

Als Radfahrerin habe ich auch viel über das Equipment gelernt und darüber, was wichtig ist (und was nicht!) - dabei geholfen hat mir mein Hintergrund mit einem Master und Doktor in Geotechnik. Ich liebe technische Challenges und fand es spannend, mehr über die Windkanaltests mit dem Nationalteam zu lernen. In mancherlei Hinsicht gibt es zusätzliche Challenges für mich, denn ich bin mit 1,57 m relativ klein und es ist schwierig, ein Rad zu finden, das gut zu mir passt. Ich bin gerade an der Grenze dazu, bequem auf „Standardmaterial“ zu sitzen und habe im Laufe der Jahre gelernt, wie wichtig sowohl Komfort (für einen guten Power-Output und die Prävention von Verletzungen), als auch Aerodynamik sind. Viele andere kleine Radsportler fahren auf Rädern, die nicht gut zu ihnen passen, und sie sind sich dessen nicht einmal bewusst - weil sie nie die Wahl hatten. Ich denke, es ist unglaublich wichtig, dass ich meine Rad- und Reifensponsoren (Rad von Bond und Reifen von Sense Composite) danach aussuche, was am besten zu mir passt - individuelle Rahmen und Reifen, die speziell für kleinere Fahrer entwickelt wurden, sowohl mit 700c als auch mit 650c Optionen. Diese und andere Details sind sehr wichtig für mich.

Was Training, Ernährung und Erholung angeht.... ja, da habe ich einiges geändert. Ich glaube gerne, dass es Richtlinien für diese Dinge gibt, aber der Bedarf eines jeden Athleten ist anders. Ich weiss, dass wenn ich Spass an meinem Training habe (und das hängt massgeblich davon ab, wo ich trainiere - ich liebe die wunderschöne Schweiz) und wenn ich in guter Gesellschaft bin, dann bin ich glücklich... Und das schlägt sich manchmal auch in einem erfolgreichen Rennen nieder. Doch das Wichtigste ist, glücklich zu sein :-)

Welches sind deine Tipps fürs Wintertraining?

Ich muss zugeben, dass ich wirklich Schwierigkeiten habe, auf dem Rad mit der Kälte klarzukommen. Ich bin ein „Gfrörli“ :-( Viele Jahre habe ich den Winter teilweise in Australien verbracht (wo Familie und Freunde von mir leben), um mein Grundlagentraining im Warmen absolvieren zu können! Das lag daran, dass ich bei Frühlingsanfang fit und startbereit sein musste. In der Zukunft wird das kein Thema mehr für mich sein, und ich freue mich tatsächlich auf kalte Winter und den Mix aus verschiedenen Sportarten für meine Grundlagenfitness. Mental und körperlich ist es gesund, eine Zeit im Jahr zu haben, in der man sich nicht zu eng auf einen einzigen Sport fokussiert. Ich denke, dass ein „Fun Wintertrainig“ mit einem Mix aus Langlauf / Laufen / Rad / Kräftigung - und dem Ausprobieren von Neuem - richtig gut ist. Und ich liebe es, im Schnee zu laufen! Aber für ein spezifisches Training im Winter, wenn das Wetter wirklich grausam (für einen Rennradfahrer!) sein kann, geht doch nichts über einen „Smart Trainer“ wie zum Beispiel Wahoo Kickr. Ich habe einen zu Hause und bin wirklich beeindruckt von der Trainingsqualität und von dem echten Radgefühl. Das heisst, ich habe keine Ausreden... egal, wie das Wetter ist. ;-)

Emma Pooley auf dem Fahrrad richtungs Ziel

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst? 

Ganz ehrlich? Ich denke, dass es keinen Geheimtipp beim Training gibt, der einen zu einem guten Athleten macht! Die Fitness eines Athleten ist die Summe von monate- und jahrelangem Training (inklusive Erholungszeiten usw.). Meine Tipps sind eher allgemeinerer Natur. Erstens: Habt Spass an eurem Training. Zweitens: Trainiert mit anderen Athleten, wenn ihr die Gelegenheit dazu habt - Athleten, die stärker sind als ihr selbst und die euch anspornen, noch besser zu werden, weil ihr mit ihnen mithalten wollt (ich bin so dankbar für meine Trainingspartner!) - und wenn sie eine gute Gesellschaft sind, dann hilft das natürlich auch ;-). Und drittens: Kaffeepausen mit kleinen Snacks ;-) Wenn jemand, der das hier gerade liest, ein paar Tipps für gesunde Trainingssnacks braucht: Folgt mir doch einfach bei Instagram @pocketporridge!

Foto: ZVG

Das könnte dich interessieren

D16A43A5-506B-8D4C-D27C90EB8C0AD6DF_page-header-xxxl-1x.jpg
Interviews
Interview mit Stephan Wenk

Wöchentlich veröffentlichen wir an dieser Stelle ein Interview mit einer spannenden Persönlichkeit. Heute mit Stephan Wenk, Schweizer Meister Duathlon 2016, 3. Rang Jungfrau Marathon (2016).

3E4B17BC-506B-8D55-57E27B985B3C933B_page-header-xxxl-1x.jpg
Trainingstipps
Laufen auf Schnee – die wichtigsten Tipps

Viele Läufer verlagern das Training im Winter auf schwarzgeräumte Strassen oder indoor – das muss nicht sein. Laufen auf frisch verschneiten Waldwegen oder auf einem der fantastischen Schweizer Winterwanderwege bieten Erlebnisse der besonderen Art. Probiere es aus!

4611FF82-506B-8D55-57E283105D3C9334_page-header-xxxl-1x.jpg
Bekleidungstipps
Bekleidungstipps fürs Wintertraining

Mit der richtigen Bekleidung macht das Training während allen vier Jahreszeiten doppelt Spass. Wir zeigen dir auf, was du bei welcher Temperatur sinnvollerweise anziehst.