
Radfahren ist wohl eine der am meisten unterschätzten Sportarten. Doch eine ökonomische Tretbewegung ist nicht selbstverständlich, sondern das Resultat jahrelangen Trainings. Die besten Tipps.

Fotos: ZVG/Getty Images
Nach einer langen Soloflucht wurde Steffi Häberlin Ende Juni bei den Schweizer Meisterschaften kurz vor dem Ziel von Marlen Reusser eingeholt, konnte diese aber auf dem letzten Kilometer erneut abschütteln und ihren Titel aus dem Vorjahr verteidigen. Die 28-jährige Thurgauerin war von 2020 bis 2024 als Mountainbikerin aktiv, bevor sie mit starken Leistungen bei der Tour de Romandie und der Tour de Suisse im Trikot der Nationalmannschaft auf sich aufmerksam machte und einen Profivertrag beim niederländischen Team SD Worx erhielt.
Dieser Titel bedeutet mir viel, weil ich mit Marlen Reusser an der Startlinie nicht die Favoritin war. Sie wollte dieses Meistertrikot unbedingt, um am 1. August die Tour de France in der Schweiz damit zu starten. Ich hatte aber die gleiche Idee (lacht).
Meine Ziele für 2026 sind das Strassenrennen an den Weltmeisterschaften in Kanada Ende September, das auf einem Kurs stattfindet, der uns Schweizerinnen sehr entgegenkommt, und das Strassenrennen an den Europameisterschaften in Slowenien Anfang Oktober.
Ich telefoniere jeden Montag mit meinem Trainer und erhalte einen Plan, den ich dann selbstständig umsetze. Normalerweise bin ich ab 9 Uhr auf dem Rad. Danach folgen Essen und Regeneration. Pro Woche komme ich auf rund 20 Stunden, in intensiven Wochen sind es bis zu 26 Stunden und in Ruhewochen 10 bis 15 Stunden.
Einmal pro Woche mache ich ein Lauftraining und ein bis zwei Mal pro Woche steht ein Krafttraining mit Langhantel sowie ein Rumpfkrafttraining auf dem Programm. Dafür muss ich mich immer wieder überwinden, obwohl ich mir bewusst bin, wie wichtig es ist.
3 x 15 Minuten an der FTP-Schwelle, bevorzugt am Berg.

Die intensiven Einheiten absolviere ich in der Regel alleine. Bei den extensiven hingegen bin ich regelmässig mit anderen unterwegs. Wenn ich im Schwarzwald bei meinem Freund bin, sind es Mountainbikerinnen, zu Hause im Kanton Thurgau auch mal ambitionierte Hobbyfahrer.
Bei SD Worx habe ich das Glück, dass ich einen eigenen Coach haben darf. Das Team möchte einfach Einblicke in seine Praktiken erhalten. Mit dem Deutschen Tobias Blum, der unweit der Schweizer Grenze stationiert ist, was für mich ein grosser Vorteil ist, kann ich gleichzeitig von seinem Wissen im Bereich Bikefitting und Athletiktraining profitieren. Er unterstützt mich somit auf verschiedenen Gebieten. Besonders schätze ich neben seiner Fachkompetenz die Kommunikation mit ihm. Das ist für mich eine wichtige Grundvoraussetzung, damit es funktionieren kann.
Ich absolviere alle meine Einheiten nach Wattvorgaben, kontrolliere aber mit dem Puls, ob alles zusammenpasst. Wenn der Puls zum Beispiel nur langsam ansteigt oder zu hoch ist, bespreche ich das mit dem Coach.
Von 2020 bis 2024 bin ich Rennen im Profizirkus gefahren. Das war eine schöne und lehrreiche Zeit. Besonders cool fand ich, dass man viel in der Natur und abseits der Strassen unterwegs ist. Ausserdem mochte ich die zusätzliche technische Herausforderung, wobei dies immer mein Handicap war. Das fällt nun bei den Strassenrennen weg. Zudem ist Mountainbike ein Einzelsport, während Strassenrennen ein Teamsport sind. Das hilft mir, da ich weniger Druck verspüre. Läuft es mir persönlich nicht ganz so gut, kann ich den Kolleginnen helfen und habe im Anschluss ein befriedigendes Gefühl.
Hitzetraining ist sehr beliebt, da es die gleichen Effekte wie ein Höhentraining hat, aber kostenlos ist und zu Hause absolviert werden kann. Zudem gewöhnt man sich an die Hitze. Ich habe es einmal ausprobiert und bin kläglich gescheitert. Daraufhin sagte ich, dass ich das nie wieder mache. Ich ziehe es vor, gut zu trainieren und das zu machen, was mir wirklich Spass macht. Ich bin überzeugt, dass es mir mehr bringt, mit Freude vier Stunden draussen in der Hitze zu fahren, als nur drei Stunden zu fahren und anschliessend noch eine Stunde auf der Rolle in Thermokleidern zu schwitzen.
Wichtig ist Regelmässigkeit. Besser zweimal zwei Stunden als einmal fünf Stunden.
Während und nach dem Training gut verpflegen.
Die richtige Position auf dem Fahrrad. So macht es mehr Spass und beugt Verletzungen vor.
Strassenradsport ist extrem gefährlich und man kann es oftmals nicht selbst steuern. Um etwas mehr Kontrolle zu haben, fahre ich gerne als Erste in eine Abfahrt. Ich bin mir der Gefahren bewusst. Man darf aber nicht daran denken, denn sonst stürzt man erst recht.
Mittlerweile bin ich mir der Gefahren auch im Training bewusster. Ich fahre stets mit einem Rücklicht, zum Glück mit hellen Kleidern meines Arbeitgebers und weiche wenn immer möglich dem Hauptverkehr aus.
Parallel zu meiner Tätigkeit als Radprofi absolviere ich ein Medizinstudium. Das ist eine grosse Herausforderung, die ich nicht bewusst gewählt habe. Vielmehr bin ich nach zwei Jahren Studium in diese Situation hineingerutscht, als sich der Traum vom Beruf als Radprofi erfüllte. Um beides unter einen Hut zu bringen, habe ich das fünfte Jahr des Medizinstudiums auf drei Jahre verteilt. Von September bis Dezember bin ich etwas mehr an der Uni, ab Frühling etwas weniger. Nun fehlt nur noch ein Jahr und ich bin froh, wenn ich mich nach den Abschlussprüfungen voll und ganz auf den Sport konzentrieren kann. Denn auf Dauer leidet das eine oder das andere.

Ich bin gut im Planen, auch wenn es dann manchmal nicht aufgeht (lacht). Und in den Rennen habe ich die Fähigkeit, mich nach Attacken sehr schnell zu erholen.
Das Zeitfahren. Weil ich bisher zu wenig Zeit auf dem Zeitfahrrad verbracht habe, fällt es mir schwer, die Aeroposition über die gesamte Dauer der Belastung zu halten. Zudem fällt es mir einfacher, im Kampf Frau gegen Frau ans Limit zu gehen, als ganz alleine.
Um Erfolg zu haben, muss man konstant dranbleiben und sollte nicht so schnell aufgeben.
Mach das, was du gerne machst, am besten zusammen mit anderen, und gönn dir ab und zu etwas, wenn du ein bestimmtes Ziel erreicht hast. Zugegeben, es kann manchmal ganz schön hart sein, zum Beispiel, wenn es besonders kalt ist oder regnet. Aber wenn man ein langfristiges Ziel hat, ergibt alles Sinn.
Wir danken Steffi Häberlin für die spannenden Insights. Mehr Infos zu Steffi Häberlin findest du hier.

Radfahren ist wohl eine der am meisten unterschätzten Sportarten. Doch eine ökonomische Tretbewegung ist nicht selbstverständlich, sondern das Resultat jahrelangen Trainings. Die besten Tipps.

Zur optimalen Vorbereitung auf deinen Radmarathon stellen wir dir exklusiv einen Trainingsplan zur Verfügung, der vom langjährigen Coach und zweifachen Ötztaler-Sieger Mathias Nothegger erstellt wurde.

Du wünscht dir mehr Kraft in den Beinen, hast aber keine Lust, im Kraftraum Gewichte zu stemmen? Dann versuch es doch beim nächsten Radtraining mit tiefen Trittfrequenzen.