Das Strava-Problem

Severin Müller 17. February 2026

Foto: iStock.com/Prostock-Studio

Ein schneller Schnitt, ein paar zusätzliche Kilometer, ein gutes Gefühl beim Hochladen der Einheit: Strava motiviert – und genau da liegt auch das Problem. Denn was als Trainingshilfe gedacht ist, wird schnell zum Massstab, an dem sich jede Einheit messen lassen muss.

Wenn Training zum Schaulaufen wird

Digitale Trainingsplattformen wie Strava haben den Ausdauersport verändert. Den Spruch «Ist es nicht auf Strava, ist es nicht passiert» haben wohl viele schon gehört. Kaum eine Einheit endet heute ohne Upload, Analyse und Vergleich. Strava ist dabei für viele Sportlerinnen und Sportler ein fester Bestandteil des Trainingsalltags. Was ursprünglich als digitales Trainingstagebuch zum Vergleich einzelner Segmente gedacht war, ist längst auch eine soziale Bühne geworden.

Genau hier beginnt das sogenannte «Strava-Problem». Trainingseinheiten werden oft nicht mehr nur für den eigenen Formaufbau und die individuelle Fitness absolviert, sondern – bewusst oder unbewusst – auch für die Plattform. Dass dabei der eigentliche Sinn des Trainings in den Hintergrund rückt, gehört leider oft dazu. Denn was denken wohl meine Rivalinnen und Rivalen, wenn ich langsam trainieren gehe?

Vergleich ohne Kontext

Auf Strava sehen wir vor allem Zahlen – aber oft keinen Kontext. Nicht sichtbar sind etwa der aktuelle Trainingszustand, die Gesamtbelastung der Woche, das Ziel der jeweiligen Einheit oder das übergeordnete Trainingsziel.

So bleibt letztlich nur der Vergleich der Zahlen. Dieser Vergleich verleitet Athlet:innen dazu, ihr Training an äusseren Erwartungen auszurichten – und nicht an dem, was für ihre persönliche Entwicklung sinnvoll wäre. Und wie erreicht man möglichst «gute» Zahlen? Genau: indem man möglichst flach, möglichst schnell und mit möglichst wenig Abwechslung trainiert.

Warum Abwechslung wichtig ist

Aus trainingswissenschaftlicher Sicht ist klar: Nachhaltige Leistungsentwicklung basiert auf einer sauberen Steuerung der Intensitäten. Ein grosser Teil des Trainings sollte im niedrigen Intensitätsbereich stattfinden. Diese Einheiten fördern die aerobe Basis, verbessern die Fettstoffwechselkapazität und ermöglichen Erholung zwischen intensiveren Belastungen.

Wer diese Läufe regelmässig zu schnell absolviert,

  • verpasst wichtige physiologische Anpassungen
  • verursacht unnötige Ermüdung
  • erhöht das Risiko für Überlastungen und Verletzungen
  • stagniert trotz hohem Trainingsumfang

Das Training fühlt sich zwar «fleissig» an, ist aber oft weder wirklich locker noch gezielt intensiv – sondern bewegt sich irgendwo dazwischen.

Strava als Trainingspartner

Strava an sich ist kein Feind des guten Trainings. Im Gegenteil: Richtig eingesetzt kann die Plattform motivieren, strukturieren und inspirieren. Entscheidend ist der bewusste Umgang damit.

Ein paar einfache Strategien, die gegen das Strava-Problem helfen:

  • Trainingsziel vor Sichtbarkeit stellen: Erst überlegen, wofür der Lauf da ist – nicht, wie er aussieht.
  • Gefühl vor Pace: Gerade bei lockeren Einheiten nach Atmung und Körperspannung laufen, nicht nach dem Kilometerschnitt.
  • Nicht alles teilen: Regenerationsläufe brauchen kein Publikum.
  • Strava bewusst nutzen: Als Tagebuch – nicht als Jury.